Alltagsrassismus – Mei Ling erzählt aus ihrer Perspektive

„Öh, guck mal ein Asiate!“

So was höre ich seit meiner jüngsten Kindheit ständig und das ist noch gerade harmlos. Doch gerade während der Zeit der Realschule und des Gymnasiums kam es immer öfters vor und auch wenn ich meiner Freizeit unterwegs bin. Liegt vielleicht an den Hormomen der pubertierenden Schülern, sich über andere auszulassen nur aufgrund deren Aussehens. Keine neue Erkenntnis, denn „hässliche“ Schüler wurden seit jeher gemobbt. Doch das hat nichts mehr mit Mobbing zu tun, wenn man Witze über „Chinapfannen“ macht.

Hier ist wohl gemerkt nicht das Essen gemeint sondern ein vermeintlich lustiger Spitzname für Leute aus Asien, primär mit Wurzeln aus China oder Vietnam. Den Mobbern ist es aber egal aus welchem Land man ist, es ist einfach ein Asiate, egal ob in Deutschland geboren.

Andere Witze übers Essen: „Lass deinen Hund nicht zu nahe an diese Menschen ran, die essen den sonst noch!“

Solch ein Verhalten kann man auch benennen: Alltagsrassismus.

Alltagsrassismus ist ein Begriff der Rassismusforschung, der die soziale Praxis und die Denkschemata einer größeren sozialen Gruppe dann als rassistisch bewertet, wenn diese ein „Wir“ konstruiert und von dieser Position aus Feststellung von Andersartigkeit, von negativer oder positiver Wertung und Abweichung von „unserer“ Normalität gegenüber den „Anderen“ machtvoll äußert oder praktiziert, mit der Folge, dass die so Kategorisierten ausgeschlossen werden. (Quelle: Wikipedia)

Diese Leute kann man nicht einfach über einen Kamm scheren. Mal sind es tatsächlich Rechtsextreme, aber oft einfach nur Leute, die es cool finden sich über andere Witzig zu machen. Sie sehen das ethisch unkorrekte dahinter nicht und nehmen es als alltäglich hin, solche Witze auf Kosten andere Gruppen zu machen. Besonders sieht man das bei Jugendlichen in Begleitung derer Freunde. Einfach mal einen „lustigen“ (wohl eher dummen) Kommentar zu machen um zu zeigen wie cool man doch ist. Sieht man überall. Nicht nur im vermeintlichen „Osten“ von Deutschland sondern auch im Westen. Alles verstärkt durch die Tabuisierung von Rassismus und Rechtsextremismus. Als junger Mensch möchte man mal gerne gegen alles konventionelle sein und rebellieren. Dann wird es noch umso cooler wenn man die NPD wählt und damit lautstark angibt wie rebellisch man doch sei.

Es reflektiert die Gesellschaft. Rassismus ist tief im Denken verankert, ohne dass es vielen bewusst ist. „Wir“ und die „anderen“ da.  Als jemand, dessen Eltern aus China und Vietnam stammen, habe ich noch ein leichtes Los gezogen. „Wir Fidchis“ sind stereotypisch zum Glück sehr fleißig und harmlos. Man hört auch von älteren Leuten wie positiv und nett sie doch seinen, ebenfalls eine Art von Alltagsrassismus. Denn Rassismus ist an sich nicht positiv oder negativ wertend. Alltagsrassismus hat viele Gesichter. Es ist die Frage nach der – vermeintlichen – Herkunft, obwohl man in Neubrandenburg geboren wurde. Es sind die abwertenden Blicke im Bus, die rassistischen Rufe im Stadion oder auch die Zurückweisung an der Diskotür. Der mit zweierlei Maß messende Ausbilder, die rassismusunsensiblen Kolleg_innen oder die diskriminierenden Darstellungen in Büchern, Zeitungen und Filmen. Vermeintliche Komplimente wie „Du sprichst aber gut Deutsch“ oder lobend gemeinte Verallgemeinerungen wie „asiatische Schüler_innen sind immer so fleißig“ sind weitere Beispiele für Alltagsrassismus.  Aber als „scheiss Kannacke bzw. Türke“ ist der Alltagsrassismus weit ausgeprägter. Hier erfährt man nicht nur bei den Jugendlichen einen aggressiven Tonfall sondern auch erwachsenere Menschen haben Befürchtungen. Denn diese „Ausländer“ und „Asylanten“ wollen doch immer nur stehlen, vergewaltigen, schmarotzen auf Kosten „von uns deutschen ehrlichen und fleißigen Staatsbürgern“ und nebenbei auch noch die Arbeitsplätze stehlen. Ein sehr beschäftigter Mensch, wenn er als dies gleichzeitig machen will. Es ist ja nicht gerade ein junges Phänomen, denn dieses Denken von „uns“ und „denen“ hat zahlreiche Kriege und Auseinandersetzungen in der Vergangenheit geschaffen.

Nicht nur das Unwissen darüber ist ein Problem sondern auch die komplette Verdrängung und Verleugnen davon. Die zwei Jahre auf der Realschule waren die schwierigsten in dem Zusammenhang, Alltagsrassismus und Diskriminierung seitens älterer Schüler. Jahre nachdem ich raus war, habe ich die Schuldirektorin darauf angesprochen. Geführt hat dies dazu, dass ich vor allen anderen Schülern angebrüllt worden bin. Was mir denn einfalle sowas zu behaupten, ich habe mir doch alles eingebildet und war doch nur ein Kind. Sie bürge für ihre Schüler und sowas gäbe es an ihrer Schule nicht. Nun, sowahl Schüler wie auch Lehrer, die auf jenes Problem aufmerksam gemacht haben, wurden ähnlich wie ich behandelt. Da will sich halt keiner mit auseinadner setzten.

Doch was kann man dagegen tun? Zwei unterschiedliche Gruppen gewaltsam zusammen zu führen endet eher im Gegenteil. Man muss zeigen, dass wir alle Menschen sind. Egal wie wir aussehen, eine andere Kultur oder Religion haben. Rassismus in allen Formen, auch latente kann man nicht einfach so beseitigen. Es braucht Zeit und kleine Schritte. Zusammen leben und sich kennenlernen, in den Dialog gehen. Das ist das was wir brauchen.

Eine kleine Beobachtung meinerseits: In meinem Schuljahrgang und wie auch jene kurz nach mir haben seltener solche Bemerkungen gemacht als die älteren Schüler, die keine Mitschüler aus anderen Kulturen hatten. Da sieht man, wie selbstverständlich es sein kann, wenn man mit anderen aufwächst.

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